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Sorgen. Ständig mache ich mir Sorgen über alles Mögliche und wenn ich ausnahmsweise mal keine Sorgen habe, dann mache ich mir welche nur deshalb, wann ich wohl wieder welche hätte. In dieser Nacht, kurz bevor sie endet und ich eigentlich hätte schlafen sollen; jene zwei Stunden Minimum, die ich brauche, um dann wieder in die Stadt zu fahren, um Geld zu verdienen, sind die Sorgen neue. So andere, so anders.
Seit zwei Nächten ist ihr Fenster nun schon dunkel, geblieben, die ganze Zeit über. Auf dem dunklen, kalten Glas spiegelt sich die feine Sichel des abnehmenden Monds; wandert von links nach rechts, verschwindet, wenn Wolken verhangen und erscheint, wenn es klart. Gleich wird das Spiegelbild nicht mehr zu sehen sein, es leuchtet ganz rechts; wird dann der Rest unseres Hofs von der Nacht komplett verhüllt worden sein. Kein Schein der Lampen, kein Flimmern des Bildschirms ihres Laptops dringen durch die Kälte, der Scheibe, hoch zu mir, zu meiner Loggia.
Es ist so tot, scheinbar wie tot und doch so lebendig, in mir, einfach alles. Der Hof taucht nun ins Schwarze, Nichts; in der Küche schalte ich lediglich die kleinen Spots unter den dunkelrot lackierten Oberschränken ein, das elegante Radio von Bose flüstert den Beginn des morgendlichen Frühprogramms meines Lieblingssenders in den kleinen Raum, hinein.
Die Espressomaschine rattert und klackt, pumpt, rauscht und bereitet mit einen doppelten gestärkten Kaffee zu, dessen feines Aroma sich in meinen Nasenflügeln verkriecht, um langsam erstarrenden Gedanken wieder Leben einzuhauchen. Ein letzter Grappa, nur noch dieser, sonst müsste ich zuhause bleiben, nicht mehr Auto fahren, was nicht sein darf, denn während Tages hängen in meiner Wohnung die Decken tiefer als sie eh schon hängen, in den Nächten, diesen und mich hinaus auf meine Loggia treiben.
Im Wohnzimmer läuft dezent meine letzte Neuerwerbung, Gothic von Crypt Cha, das Album Sorrows Away. Eine Band aus der Region, gut, besser als ich erwartete. Weg mit den Sorgen, keine Sorgen mehr; welche hat sie wohl? Ich sehe das Bild aus dem Supermarkt vor mir, vor ein paar Tagen, sie vor mir, das erste Mal. Eingebrannt in meinem Gedächtnis ihre zierlichen Hände, jene den Griff des Einkaufwagens umklammernd, kleine, fast dickliche, noch kindliche Finger mit abgekauten Fingernägeln und dort, wo Reste eines Nagels zu sehen sind, mit etwas Schmutz darunter.
Kleine rosa Hände, ihre, an den Knöcheln sich bläulich verfärbend weil kramphaft Halt suchend, nicht fallen zu wollen, den Halt suchend, am Wagen oder an dessen Inhalt, jenen Flaschen. So I come to you and I will do all that I can do to take care of you and to ease your sorrow steht die Stimme der Sänger Tyrae und Steven Sader gegen fünf Uhr früh zwischen den Lautsprechern von Klipsch klar im Raum, ja wenn, wenn das doch so einfach wäre. Das, alles …
… das schrille Piepsen des Braun-Weckers hinaus aus der offenen Tür meines Schlafzimmers läßt mich auf dem Sofa hochschrecken, ich liege im Wohnzimmer. Der Kaffee vor mir auf dem kleinen Tisch in seiner Tasse erkaltet, der Grappa unberührt, die Asche der Lucky Strike galant sich den Formen des Aschenbechers von Villeroy & Boch angepasst, einsam verglommen während meiner, keiner zwei traumlosen und sorgenfreien Stunden. Spüle hastig den Kaffee herunter, der Grappa wandert in die Spüle.
Das kalte Neonlicht im Bad lässt mich nicht wirklich vorteilhaft aussehen, das Radio bleibt ausnahmsweise mal ausgeschaltet, ich scheisse auf die Verkehrsdurchsagen. Mir wird heute nicht warm, im Spiegel erkenne ich nicht mich, sondern ich sehe sie, nur sie; ihre verweinten, tiefliegenden Augen, das katzenhafte Pendeln ihres Körpers hinter dem Fenster gegenüber, zwischen Telefon und Computer, den Blick, den ersten zu mir. Wandere durch die Stille der Wohnung nach unten, schnell, bevor die Decken sich abzusenken beginnen, ziehe den Mantel über, die Tür hinter mir zu, will abschliessen, da hängt ein Zettel über der Klinke meiner Haustür
Den gefalteten Zettel stecke ich in die Brusttasche meines Hemds, nahe meinem Herzen, am Auto stehend, den Mantel auf der Rückbank ablegend, wie nun auch diese Sorgen, der Nacht. Ein schöner Morgen, einer von jenen, die mir Wärme spenden. Zu versprechen.
Phil

