[night:market]
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Leere treibt mich aus meiner Wohnung, ihre Leere der meinen gleichend, der inneren. Es ist nach zwei Uhr morgens und ich schlurfe hinunter in das benachbarte Industriegebiet, das monotone Knirschen meiner Schritte auf dem Weg dorthin, im feinen Schrot des unasphaltierten Fusswegs, verhallt dumpf im mich kalt wie gleichzeitig klamm umhüllenden Novembernebel. Es ist das einzige Geräusch in dieser Nacht, das ich höre, welches nur ab und an vom gequält langezogenen Hupen eines durch die Dunkelheit rasenden Autos auf der entfernten Schnellstrasse unterbrochen wird.
Es ist fast Neumond und mein Schatten wandert im Wechsel der spärlichen Wegbeleuchtung um mich herum; vorne, seitlich, hinten, vorne, seitlich, hinten… Der erste Frost dringt Nadeln gleich durch meine für die Jahreszeit ungeeignete Kleidung; Sommerjeans, T-Shirt und Fleeceshirt lassen der Vorhut des Winters jene Reste von anfänglich noch mitgetragener wohnlicher Wärme scheibchenweise verschwinden; die klamme linke Hand in der Hosentasche auf Schutz vor Kälte hoffend, die rechte Hand mit der Lucky Strike fahrig zwischen meinen schmalen Lippen und Hosennaht hektisch auf und abfahrend.
Meine Schritte werden schneller, als ich, Sichtnähe endlich gegeben, in das Industriegebiet einbiege; die grell und bläulich gleissenden Laternen am Strassenrand weisen den schmucklosen wie sterilen Weg zu einem der ersten Supermärkte in dieser Region, welche rund um die Uhr geöffnet haben dürfen. Ich wünsche mir unter Menschen zu sein und hoffe im Supermarkt welche anzutreffen; denn seit sie ihre Entscheidung, ihre finale, getroffen hatte, ist die Leere in der Wohnung unerträglich geworden; so unerträglich, alles unsäglich, wie ich es, wie alles, inzwischen wohl auch geworden bin, ist.
Mit dem leisen Zischen der sich öffnenden Schiebetüren betrete ich den Supermarkt; italienische Wochen treiben mich hierher, um einen Friuldoro Vecchiata zu ergattern. Sonderangebot. Jener erschwingliche Grappa, den ich lieb’, weil er bizzelt manchmal so schön auf meine Gaum’n. Und weil er’e tötet so manch’e Male, meine, diese bös’ Gedanke’.
Und ein paar Mezzo-Mix. Müssen’s sein. Süße Brause, verpappte Limopampe. Kalorienbomben, die statt normaler Nahrung dazu beitragen, Gewicht zu halten. Wenn Kummer wie auch Denken frisst, verzehren beide Speck. Nicht nur Nerven. Leere, Leere entleert. Also muss man sehen, zu sehen, dass man den Schein wahrt. Zumindest den äußeren. Wegen den Anderen; wegen allem anderen.
So schiebe ich den metallenen Einkaufswagen vor mir her. Dessen Räder quietschen. Wie immer, wann auch immer. Weshalb sollte mir wohl das Leben etwas gönnen, das einwandfrei funktioniere? Nein; es spendiert mir einen quiekenden Einkaufswagen und eine Frau ohne Perspektive. Wütend trete ich gegen die sich verkantenden Räder des Gefährts und entere die Gänge der schier endlosen Regale in diesem Supermarkt; kaltes Neon streichelt meinem Nacken. Ich wünschte, es wären die Sterne, jene von vor ein paar Tagen. Die über mir leuchteten.
Wir haben den Ladenschluss liberalisiert und die Angestellten weg rationalisiert; schiesst es mir durch den Kopf. Niemand ist in jenen rot, grünen Arbeitskitteln vor Ort. Ich bin auf mich gestellt, allein. Wie so oft. Also suche ich die Regalreihen ab. Die Fassade regenerierende Limo liegt als erstes im Wagen; ein paar Süßigkeiten, ein paar deftige Würstl für den Heißhunger zwischendurch bald auch. Ich biege in den Gang mit den harten Alkoholika ein und sehe sie. Der erste Mensch in dieser Nacht. Eine Frau. Nicht einer, eine, jener Penner, jener Pennerinnen, aus der Umgebung, die sich den kalten Liter Glühwein für 39 Cent kaufen, um eine jener desolaten Prekariererparties zu veranstalten, unten an der alten, längst verlassenen Tanke.
Irgendwie kommt mir die schlabbernde Jogginghose bekannt vor. Größe und Figur wie auch Frisur. Es ist die junge Frau aus dem Fenster gegenüber, sie sieht aus wie immer, nur das Longsleeve ist anders farbig. Aber immer noch zu groß. Die schlabbernden und viel zu langen Ärmel sind bei ihrem Einkauf hinderlich; was aber ihrer robotorartigen Motorik nicht hinderlich scheint. Drei Pullen Wacholderschnaps klappern in ihrem Einkaufswagen herum und ziellos sucht sie wohl noch einen weiteren Tröster. Der Nacht. Der Erinnerungen. Des Seins wie auch des Warums. Des warum das alles und des warum gerade ich.
Ich schubse, trotz Müdigkeit, Kältegefühlen und leichter Beschwipstheit entseelt meinen Konsumgüterkarren in ihre Richtung. Versuche, sie zu taxieren, ihre Haut, die wohl die einer Zwanzigjährigen; Arme, von leichtem Babyspeck geformt. Haare, blond, wie auch braun, über die Schultern fallend, struppig, ungepflegt. Ich verharre, in der zweiten Reihe des Regals steht der Friuldoro Vecchiata und bugsiere ebenfalls drei Pullen davon in meinen Einkaufswagen. Wie alt sie wohl ist? Dämlicher Gedanke! Wer sie wohl ist? Der eigentliche Gedanke.
Das Klappern meiner drei Grappapullen beim Entnehmen aus dem Regal hat sie aufmerksam gemacht. Auf mich. In jener unheimlichen Stille, die derlei Geschäften nach 20 Uhr innewohnt. Es ist, als ob Zombies einkaufen gingen. Man spricht nicht. Man riecht nichts. Alles; so ohne Geschmack. So, als ob ab 20 Uhr alle Sinne abgeschaltet wären. In diesem Supermarkt, in diesem Ort, in dieser Welt. Ihr Haupt erhebt sich, plötzlich; ich sehe zum ersten Mal ihr Gesicht. Augen, tiefschwarz umrändert; blutrot gefärbt. Blicke. Unsere, finden und fixieren sich. Ein junges Antlitz, verbraucht vom Leben, benutzt von anderen, verlebt von sich selbst. Ich presse mir ein Lächeln heraus. Eine Sekunde, wohl eher fünf Sekunden, wahrscheinlich eine Ewigkeit, ruhen diesen geröteten, verweinten Augen auf mir; starren mich an.
Dann, dann huscht ein Lächeln über ihre Maske. Bruchteile von Sekunden nur, schemen wie schattengleich. Ich weiß nicht, war da auch ein Zwinkern? Ich wische fahrig über meine Vorstellungen, Phantasien hinweg und zuckel in Richtung Kasse. Ausgang. Bezahle, packe meinen Einkauf ein. Die Plastiktüte ist schwer und auch nicht. Die Lampen im Industriegebiet, das ich nun verlasse, erscheinen mir wärmer; karbidgleich, irgendwie. Ich laufe langsam zurück, nach Hause, den Schrot jenes Fusswegs mit meinen Sohlen weiter zermahlend, nur diesmal lautlos.
Denn - mir ist nicht mehr kalt.
Phil

am 16. Oktober 2007 um 00:38 Uhr.
Der hier ist einer von den echt guten. Ich meine den Eintrag. Das Lesetier sagt gierig: mehr. Der Mensch sagt: shhh. Das wird. Schon wieder gut. Und schämt sich und geht ab. Entschuldigung.
am 16. Oktober 2007 um 09:15 Uhr.
wow der ist finster. Aber auch gut. Viel zu gut um den Weg und die Kälte nicht selbst zu spüren…….
am 16. Oktober 2007 um 16:03 Uhr.
@Julia, andi: merci ;-) Teil 3 ist schon in Arbeit. Ach ja, das Mädel von gegenüber bloggt übrigens auch; aus ihrem Fenster hinaus und so - nachlesbar!
:-)
am 16. Oktober 2007 um 16:42 Uhr.
Hey Phil, solltest du jemals aufhören hier zu schreiben, komme ich persönlich gefahren und hau dich, aber sowas von…
am 16. Oktober 2007 um 21:54 Uhr.
mrsweasly, wenn ihr outfit aus stöckelschuhen, strapsen und kleiner reitpeitsche besteht, mach’ ich gerne den laden hier dicht … :)
am 17. Oktober 2007 um 10:51 Uhr.
Woher wußte ich, dass diese Antwort kommt? Wie nennt man das, Eigentor??
am 26. Februar 2010 um 16:17 Uhr.
sie sucht ein paar…
Nett, dass man sich hier mit dem Thema wenigstens mal ordentlich beschaeftigt. Habe die Ausfuehrungen dazu foermlich verschlungen (-:…