[donnerstags:schatten]
Es gibt Momente, in denen ich mir wünsche, fliegen zu können; frei jeglicher Last von meinen Schultern, einem unruhigen Vogel gleich, durch die Nacht einem unbekannten Ziel entgegen, in den auftauenden Morgen hinein, um schließlich zu erkennen, angekommen zu sein, an jenem Ort ohne den Wunsch, weiter fliegen zu wollen. Sie ist soeben gegangen und jetzt sitze ich halb unter meiner Loggia; die ersten Nebel des nahen November fingern sich vom Boden her der Fassade entlang meiner Etage entgegen, während von oben in ihrer Klarheit die Sterne mit ihrem Blinzeln meinen Nacken streicheln.
Durch das Gittermuster des stählernen Balkonstuhls kriecht von unten die Kälte der neuen Jahreszeit in meinen Körper und die weiche Decke, die sie noch vor wenigen Minuten wärmte, hängt nun über meinen Schultern, schützt mich von oben her vor dem nasskalten Atem dieser Nacht. Mein Herz pocht im Takt eines unsichtbaren wie lautlosen Trommlers, der unten im Hof seine Runden marschiert, rückwärts laufend, die Zeit, meine Zeit zurückdrehend. Vor fast einem Jahr war alles anders, die Nächte klarer und jene mich umhüllende Decke verströmte noch den Duft ihres Haares, ihrer Haut, ihres Parfums.
Jene Gerüche, sie sind wieder da, frisch, heute; jedoch vermengt, mit der bitteren Süße aus Erfahrungen des Gesagten wie Gehörten, die nicht hätten sein sollen. Müssen. Die diese Freundschaft, welche einst Liebe, zermartern, mit jener einzigen Frage, auf die es wohl keine Antwort, keine Antworten gibt. Die diese Freundschaft zur blinden Farce macht, zu Schatten, den Schatten unserer Selbst. Gefühle und Gedanken, die langsam verschwinden in beklemmender Stille und Fahlheit der Nacht, so wie der Rauch, meiner Zigarette sich verzieht, vom Wind zerzupft, in der Weite, der Leere.
Hinter der glimmenden Spitze der Lucky Strike leuchtet schwach ein Fenster auf; zwei Stockwerke tiefer, gegenüber, in der Sicht geteilt durch die dünnen Stäbe des metallenen Balkongeländers. Wer bist Du, junge Frau, dort meist zur gleichen Uhr wie ich, rast wie auch ruhelos, der Nacht entfliehst, dem Morgen entgegen sehnend, jenem Ort? Im Licht Deines Zimmers zerfällt Dein Körper in mehrere Schatten, die sich mal um Dich drehen, nähern, sich einen, je nach dem, an welcher Stelle im Raum Du Dich gerade befindest, bei Deinem Auf und Ab, einer Gefangenen gleich, in ihrer selbst.
Den Pott mit Kaffee oder Tee, vor Dich hertragend, umschlungen von den Enden des Dir viel zu großen Longsleeves, langsam schlurfend, hin und her, zwischen Telefon und Computer. Vor beiden oft verharrend, minutenlang, manchmal eine Stunde und selten, dann aber konzentriert, Worte in leise klappernde Tasten drückend. Eine anmutige wie auch bedrückende Wanderung zwischen dem Gestern und dem Jetzt, die Differenz aus Beidem, in der Sucht sie in Worte zu fassen ganz wie so oft auch ich, mit hängendem Kopf, zu einem Ganzen, einer verständlichen Frage zu formen, in der Hoffnung, dass die Welt da draußen Dir, uns eine Antwort liefere.
Es gibt sie wohl nicht, die Antworten, die wir beide suchen, in der Tiefe der Nacht; jedenfalls nicht jene, die keine weiteren Fragen nach sich ziehen, auf die es wiederum keine Antworten geben wird. Du blickst jetzt durch das Glas Deines Fensters in die Dunkelheit, die schlabbernde Jogginghose halb über Deine Hüfte gerutscht; Deine Augen wandern über die Fassaden der umliegenden Häuser und ruhen nun auf mir; mich auf meinem Stuhl, einem Schatten, einer Silhouette gleich, für wenige Sekunden fixierend. Die Leere der Finsternis überbrückend, vielleicht an jene Leere denkend, die nicht nur der Nacht, sondern vielleicht auch Dir innewohnt, wie auch mich, in diesem Moment, ergreift.
Phil

am 11. Oktober 2007 um 17:55 Uhr.
Toller Text. Und da fragen Sie sich noch, warum Sie bloggen?
Weil Sie schreiben können, wie der Teufel!
(verstecktes Kompliment)
:-)
am 11. Oktober 2007 um 18:49 Uhr.
Wundervoll, berührend, ergreifend. Einer deiner schönsten Texte, wie ich finde. Kuss aus dem Niemandsland, Nella
am 11. Oktober 2007 um 23:02 Uhr.
@Hidden: Deswegen blogge ich doch. Um in nicht berechenbaren Intervallen, völlig werbefreie, ein paar Zeilen ins digitale Universum zu rotzen, die zumindest einem Menschen gefallen. Ach ja, das zweite batschnasse Busserl haben Sie sich ehrlich verdient ;-)
@Nella: Vielen vielen Dank!!! Das, was wir uns gemailt, sollten wir mal bekaspern. So nter uns. Echt. Könnte Laune machen :) Und vielleicht das erzielen, was wir eigentlich nicht wollen. Erfolg. Kuss!
am 12. Oktober 2007 um 14:24 Uhr.
Hilfe, Sie haben gesabbert.
:-) °°°°°°°°°°°°°°°
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Macht aber nix, ich kenn das ja jetzt schon von Ihnen.
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am 13. Oktober 2007 um 08:20 Uhr.
Moin Phil,
finde auch, dass dies einer deiner schönsten Texte ist. Toll!!
am 25. Februar 2009 um 12:44 Uhr.
ja, es gibt sie leider nicht die Antworten.
das ist die tragik meines schatten-da-seins,
dass nicht einmal ärzte schizophrenie entschlüsselt haben.
und ich wollt das rätsel unbedingt knacken.
zumindest jemand, der genauso fühlt, das baut an
schwerst depressiven tagen auf.