Manchmal denke ich an Marcus

…Mondscheinsonate[quasi una Fantasia]

Es ist eine jener verregneten Julinächte, die diesen Sommer erst recht missen lassen; mein Besuch ist längst gegangen und die Überreste meiner kleinen Feier in den Müll oder in die Spülmaschine gewandert. Alle Fenster sind geöffnet wie auch die Balkontüren sperrangelweit auf; lüften, um den kalten Zigarettenmief abziehen zu lassen. Ich sitze auf dem Balkon und starre den fast vollen Mond an, wie er im Nichts der Schwärze festklebt und von kleinen Wolkenfetzen umtanzt wird. Ein Gefühl der absoluten inneren Ruhe stellt sich bei mir ein, die Gedanken, sie schweifen in die Ferne; in die Vergangenheit.

Beethoven, im Radio läuft eine Sondersendung zu seinen Werken und kaum dass meine Ohren die ersten fünf Tastenanschläge auf dem Flügel erhaschen, weiß ich, dass es die Mondscheinsonate ist. Ich lächele, ein wenig traurig, denn viele meiner Erinnerungen sind direkt mit irgendwelchen Kompositionen verbunden. So wie mit der Mondscheinsonate; höre ich sie, denke ich an Marcus, an den ich mich manchmal auch erinnere, wenn gerade keine Musik zu hören ist.

Es war im Sommer 1982 und unser Jahrgang feierte seit über einen Monat ausgiebig das bestandene Abitur; jeden Tag jagte eine Party die nächste und in unserer Clique aus knapp 30 Schülern befand sich auch Saskia, meine damalige große Liebe. Und Marcus, mit dem mich ein äußerst freundschaftliches Verhältnis verband; insbesondere über die Musik. Marcus lehrte mich seinerzeit die ersten Anschläge auf dem Klavier; ich, ein Notenanalphabet, aber sehr talentiert, wenn es darum ging, Melodien rein aus der Erinnerung; quasi nach Gehör zu spielen.

Marcus war ein Ausnahmetalent, was seine musikalischen Fähigkeiten betraf; immer wenn seine Finger virtuos über die Tastatur streichelten, verstummten Mensch und Tier wie auch alle anderen Geräusche um uns herum. Manchmal denke ich an jene Nacht bei Ulli, weit nachdem die Uhr zwölfmal schlug und wir uns im Wohnzimmer der Eltern von Ulli fläzten. Der Steinway ihres Vater war aufgeklappt, ich lag mit Saskia in einer Ecke der großen ledernen Couch, während wir darüber sprachen, wie das wohl sein, wenn wir uns nicht mehr täglich sähen, weil ich ein paar Tage später zur Bundeswehr musste.

Es war jenes tiefe Gefühl einer Liebe, das immer dann noch einen Tick tiefer geht als man glaubt, wenn man sich bewusst wird, dass man getrennt sein wird. Eng in einander verschlungen lagen wir da, flüsterten uns in die Ohren, küssten uns und lauschten dem Spiel von Marcus. Es war die Mondscheinsonate, die ich jenem Abend zum ersten Mal bewusst und in voller Länge hörte und sie brannte sich in meine Seele als Lesezeichen eines nicht zu fassenden Glücks in meinem Leben.

So lausche ich nun nach 25 Jahren erneut den Klängen des Ludwig van und muss an Marcus denken, wie so manches Mal in der Vergangenheit. Noch in jenem Herbst verunglückte er schwer mit seiner CB 50, als bleibender Schaden verblieb ein toter, bewegungsunfähiger rechter Arm, den die Ärzte erst zwei Jahre später amputierten, als er nur noch bindfadengleich aus Marcus’ Schulter heraushing. Zwei Jahre, in denen ich den Verfall von Marcus miterlebte, mir sein Hadern mit dem Schicksal anhörte, ihn tröstete; ich ihn versuchte vom Trinken und jenen Pillen wegzubringen. Es nutzte alles nichts; nochmals 3 Monate später, nachdem man Marcus des Arms und endgültig seines Lebens als Musiker beraubt hatte, warf er sich vor einen Zug.

Die letzten Takte der Mondscheinsonate verhallen nun in der Dämmerung des Morgens. Ich denke an Marcus, wie so manches Mal. Und daran, was für ein Glück ich eigentlich bisher in meinem Leben hatte. Ich danke. Dir.

Phil

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