[cafe:zeitlos]

Immer gerne und wieder, wenn ich dienstlich mit dem Auto unterwegs bin, suche ich in einem etwas weiter entfernten Nachbarort ein altes Cafe auf, in dem ich gerne verweile, weil man dort wohl die Zeit angehalten hat. Vor etwa 30 Jahren kehrte ich dort erstmals als Schüler ein, eher zufällig und ich staunte damals nicht schlecht, wie alt und urig das Interieur ist. Und an dem sich bis heute nichts, aber auch gar nichts, verändert hat. Immer noch thront oben auf dem Buffet jene alte, aus glasiertem Ton hergestellte Uhr in Form einer fetten Eule; ihre Zeiger stehen still, seit ich sie zum ersten Mal in den nicht zu dunkel getäfelten Räumlichkeiten entdeckte. Zehn nach zehn ist sie stehen geblieben; ob mittags oder vielleicht nächtens, ich weiß es nicht. Vielleicht wurde sie ja auch nie in Betrieb genommen, denn Uhren werden im Verkauf immer auf zehn nach zehn gestellt, damit die Zeiger genau in jener Stellung dem Betrachter ein Lächeln suggerieren.

Nun sitze ich wieder hier und lasse nach der Bestellung von doppeltem Espresso und Delamain meinen Blick schweifen. Die Augen wandern über das wohl abgegriffene, leicht speckige Holz des Mobiliars; bleiben an den hölzernen Zeitungshaltern hängen, deren eingebrannte Werbung von Journalen künden, die es längst nicht mehr gibt. Sie tasten die dick und weich gepolsterten Bänke und Stühle ab, zwischen denen sich runde Tischlein mit sternförmig geschwungenen Beinchen drängeln. Auf den seitlichen Simsen verstrahlen kleine, gusseiserne Lampen aus ihren leicht vergilbten Glasschirmen ihr warmes Licht nach allen Seiten, welches von oben herab, aus der Mitte des Raumes, durch das funkelnde Glas des großen Kronleuchters heimeliges Befinden verbreitet.

Es ist still im Cafe, es war hier schon immer still. Selbst früher, als krakelender Schüler, nahm einen jene wohlige Stimmung gefangen; wie auch jetzt. Ab und zu raschelt eine Zeitung, klappert ein silbernes Löffelchen in einer zierlichen Tasse von Rosenthal; vereinzelt unterbrochen vom Knarren der Eingangstür und ständig untermalt von kaum hörbaren Summen des Kühlgeräusches, welches die nach vorne verglaste Kuchenauslage von sich gibt. Es ist ruhig, ein Handy habe ich hier noch nie läuten gehört und die Gäste, so wenn sie sich unterhalten, es nur leise tun. Der dicke Teppich dämpft zusätzlich jene andächtige Stille; fast kirchengleich. Als ob alle Besucher jenes Cafes ein stillschweigendes Abkommen geschlossen hätten, an diesem Ort; und nur an diesem Ort den Alltagslärm und die oft dominierende Hektik einfach draußen vor der Türe zu lassen.

Das Ziffernblatt der Glashütte an meinem Arm hat aufgehört, mir ihr tägliches Diktat der Termine anzuzeigen; ich vergesse in diesem Cafe schlicht, sie, die Zeit. Es gibt andere Dinge anzusehen, wie kaum etwas zu hören. Die Kellnerin zum Beispiel; so um die sechzig, ihr grau gelocktes Haar oberhalb des Nackens zu einem Knäuel zusammengesteckt. Ihre feingliedrigen Hände sortieren emsig, aber geräuschlos Geschirr und Besteck, rücken schief stehendes Gebäck gerade, arrangieren flink neue Gedecke an leer gewordenen Tischen und verstrahlen menschliche Wärme, wenn sie einem das Wechselgeld in die Hand zählen. Spricht sie mit den Gästen, sei es bei der Bestellung oder beim Begleichen der Rechnung, so geschieht dies mit dunkler, rauchiger Stimme; ein wenig im Ton von Verschwörern. Sie nimmt sich Zeit, bei allem; sei es, bis sie zum ersten mal an den Tisch kommt, die Bestellung serviert oder die Rechnung bringt. Kein Gast nimmt es ihr krumm; keine Ungeduld keimt auf. Hier im Cafe Zeitlos, nimmt man sich sie; die Zeit.

Ich mustere die Gäste, von denen um diese Tageszeit recht wenige anwesend sind. Ein leicht zerzauster Student macht sich Notizen in seiner Kladde; ein älterer Herr mit Goldbrille studiert die FAZ und schräg gegenüber von mir sitzt ein Rentnerpärchen, das schon jenseits der Achtzig sein muss. Das Beobachten von Menschen bringt mir Freude; anhand kleiner Details wie Auftreten, Kleidung, Schmuck, Mimik und Gestik sowie Sprache versuche ich zu erraten, was für Menschen sich wohl hinter den mir unbekannten Gesichtern verbergen. Die beiden Alten sehen sich die ganze Zeit über, in der ich im Cafe verweile, nicht an. Kein einziges Mal. Blicken mit ihren etwas trüben Augen durch den Raum, so wie ich. Mustern Dinge und Menschen, ohne diese sich gegenseitig zu kommentieren. Schau mal Elvira, dieser lange Lulatsch da gegenüber im Anzug, wie bei ihm die blaue Augen in seinem braungebrannten Gesicht leuchten. Oder Theobald, schau; der junge Mann dahinten, der hat ja gar keinen Computer dabei wie die anderen jungen Leute; er schreibt noch so richtig per Hand in sein Büchlein.

Warum reden sie nicht miteinander? Frage ich mich. In der knappen Stunde, die ich hier schon sitze, haben sie sich die Blicke der Alten nur dreimal flüchtig gestreift. Jeder starrt vor sich hin; fast regungslos. Was sie wohl denken, überlege ich. Über ihr zurückliegendes, langes Leben? Ihre lange Ehe und den letzten Jahren, in denen sie sich einfach nichts mehr zu sagen haben? Nur noch das tägliche Einerlei ableben, bis dass der Tod sie bald scheide? Ich grübele gerade in jenen Gedanken, als der Opa der Kellnerin winkt. Wortlos bezahlt er, als die alte Frau ihre eine Hand auf den Unterarm ihres Mannes legt. Er dreht sich langsam zu ihr herum, hebt seine fleckige, gichtverkrümmte Hand und deren äußerer Teil beginnt zärtlich ihre Wange zu streicheln. Sekunden, Minuten, Stunden, wie es scheint und ich gebannt auf die glücklichen Gesichter der beiden starre; deren Augen nun nicht mehr trüb sind, die irgendwie leuchten und ich mir vorzustellen beginne , wie sie in jungen Jahren, kurz vor dem Krieg, verliebt auf einer Blumenwiese sitzen und Zärtlichkeiten austauschen.

Nachdem ich draußen wieder in meinem Wagen sitze und die Klimaanlage anfängt, angenehme Temperaturen zu verbreiten, schaue ich auf die Glashütte, deren Sekundenzeiger langsam wieder beginnt, nach vorne zu rücken. Ein leichter Schauer rieselt, kribbelt über meinen ganzen Körper und irgendwie weiß ich plötzlich eines: Mit wem auch immer ich in der Zukunft zusammen sein werde, weil wir uns lieben; ich werde Dich so oft es geht zu jenem wundersamen Ort mitnehmen. An dem der Liebe keiner Worte bedarf, an dem es so ist, wie es immer war. Bis ans Ende. Hier, im Cafe Zeitlos.

Phil

7 Kommentare zu “[cafe:zeitlos]”

  1. Jekylla

    Wenn ich nicht wuesste, dass Sie das nicht meinen koennen, haette ich schwoeren kennen, Sie sprechen vom Cafe Zeitlos hier. Unglaublich, wie die Beschreibung dem aehnelt…
    Diese ganz besondere Atmosphaere, sehr schoen beschrieben, ich adaptiere das mal gedanklich.

  2. Ad

    ja denn fangen sie mal an zu lieben. die zeit steht ja doch nicht… ;-)

  3. andi

    sehr schön, habe die Stille und ruhe gespürt.

  4. Daniela

    da würde ich jetzt auch nichts zu sagen…um die Stille nicht zu stören.
    Glücklich sei diejenige,die Dich begleiten darf,Herr Gefühlvoll

  5. Ralfi

    Schön zu lesen und gelernt habe ich auch noch was … Warum die Uhren auf 10 nach 10 stehen. DANKE

  6. johanna zeitlos

    habe selbst ein cafe zeitlos, gemütlich und geschmackvoll mit antiquitäten eingerichtet,der name sollte motto sein, die vorhandenen uhren sind stehengeblieben, soll für die kunden oase sein, wird als ruhiger ort leider nicht angenommen, du beschreibst meinen traum
    werde leider bald schließen

  7. Phil

    @johanna, das finde ich schade, für das cafe, für deine liebe, die du da rein gesteckt hast.

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