Blogwichteln 2009: “Steter Tropfen”

Dieser Beitrag wurde mir via Bhuti anlässlich des 2009er Blogwichtelns zugelost. Und wie jedes Jahr habe mal wieder null Dunst, wer diesen Text sozusagen als Gastautor(in) für meinen Blog geschrieben haben könnte. Alle Jahre wieder - Grübeln ist angesagt …

“Wie schön, daß Du kommen konntest! Komm doch rein, Du möchtest doch sicher auch Champagner?”
Ohne meine Antwort abzuwarten, hat mein Gastgeber bereits ein volles Glas vom nächstbesten Tablett ergriffen und mir in die Hand gedrückt, während ich ihm im Gegenzug den als Geschenk verpackten Krimi überreiche. Er wickelt das Buch jedoch gar nicht erst aus, sondern legt es nach einem kurzen Dankeschön direkt beiseite und faßt mich unter, um mich hektisch plaudernd in die Menge der restlichen Gäste zu führen.

“Ähm… danke…,” erwidere ich flach lächelnd und inspiziere umgehend die Örtlichkeiten. Dies ist immer der Moment, in dem meine Mission beginnt: Wie entledige ich mich möglichst unauffällig jenes völlig überbewerteten Getränks, dessen Genuß für mich alles andere als ein solcher ist? Was um alles in der Welt soll denn nur so wunderbar sein an dieser eisig-kribbelnden, sauren Flüssigkeit, von der merkwürdigerweise auf fast allen Festen vorausgesetzt wird, ein jeder trinke sie gern? Es drängt sich mir der Gedanke an des Kaisers neue Kleider auf, aber da ich in meiner Abneigung nicht einmal Champagner von Sekt unterscheiden kann, unterdrücke ich bedauernd diesen Anflug von geistreicher Blasphemie und wende mich wieder praktischeren Überlegungen zu.

Die Erfahrung hat gezeigt, daß es sinnlos ist, das Glas einfach irgendwo abzustellen, denn kaum hat man sich seiner entledigt, drücken einem aufmerksame Gastgeber oder -wirte ein neues, frisch gefülltes in die Hand. Die Kunst besteht also darin, nach und nach einen Teil der Menge loszuwerden, bis nur noch eine kleine Pfütze im Glas verbleibt, die einerseits groß genug ist, um den Gastgeber vom Nachschenken oder Austausch des Glases abzuhalten, andererseits jedoch auch klein genug, um in der Not ohne allzugroßen Widerwillen getrunken zu werden. Zum Beispiel, wenn auf irgendetwas angestoßen werden soll.

Da drüben steht ein großer Ficus Benjaminii. Vielleicht, wenn ich in dessen Topf…? Nein, es ist zu auffällig, wenn ich mich so tief bücke. Welchen Grund sollte ich schon haben, derart eingehend die Blumenerde zu studieren? Man würde vermutlich annehmen, ich müsse mich übergeben.
Das Aquarium wäre auch eine Lösung, hat aber leider eine Abdeckung. Ich drehe mich um meine eigene Achse, um den Rest des Raumes in Augenschein zu nehmen.
“Ach, Entschuldigung, Haben Sie meinen Ellenbogen abbekommen? Nein, wie ungeschickt von mir!” Mit einem schnell aus dem Ärmel gezupften Taschentuch und einem bittenden Lächeln wische ich meiner unfreiwilligen neuen Gespächspartnerin den Klecks Champagner von der lackledernen Handtasche, lasse mich noch auf eine Minute Smalltalk über die nette Deko und die Musik ein und wende mich dann wieder meiner Suche zu. Den ersten Schluck bin ich also schon mal los, aber wie geht es weiter?

Gottseidank hält sich das Fassungsvermögen einer Champagnerflöte in Grenzen. (Nicht auszudenken, wenn man dieses Getränk stattdessen in Kullerpfirsichgläsern auszuschenken pflegte!) Geschickt entledige ich mich weiterer Teilmengen, indem ich das Glas ab und zu ganz in Gedanken ein klein wenig schräg halte. Zum Beispiel über der Heizungsabdeckung. Oder über dem Sandwichturm am kalten Buffet. Auch der Fenstervorhang erweist sich als ausgesprochen saugfähig als ich eine Ecke davon ins Glas hänge. Je leerer jedoch das Glas wird, desto schwieriger gestaltet sich jeder weitere Versuch, das Ausgießen des Champagners wie ein Mißgeschick aussehen zu lassen. Mit besonderem Stolz erfüllt mich daher mein Geniestreich dieses Abends: In einem unbeobachteten Moment greife ich mir das bereits zu mehr als drei Vierteln leere Glas eines anderen Gastes und stelle ihm stattdessen das meine, noch mehr als halb volle hin. Mission erfüllt!

Zufrieden drehe ich meine Runden, stelle mich hier und da anderen Gästen vor und plaudere ein wenig. Die Musik ist gut gewählt und dezent, das Buffet sieht köstlich aus - nur von den Sandwiches werde ich mich natürlich fernhalten -, und mein Gastgeber hat bei der Auswahl seiner Gäste ein glückliches Händchen bewiesen. Er hat inzwischen mein Geschenk ausgepackt, welches nun offenbar Gegenstand seiner angeregten Unterhaltung mit einem anderen Gast ist.
“…bringe es nicht übers Herz…,” dringt als Gesprächsfetzen an mein Ohr. “…jedesmal…” und: “…mag einfach keine Krimis. Vielleicht möchtest Du…?”

Als er sich umdreht und mich direkt hinter ihm sieht, müssen wir beide plötzlich husten. Ich stelle mich unwissend, stelle das Glas mit dem Minirest Champagner ab und greife mir vom Tablett auf dem Stehtischchen ein volles. Lächelnd proste ich meinem Gastgeber zu und trinke mit einem Zug ein Drittel aus: “Ein schöner Abend! danke für die Einladung!”

14 Kommentare zu “Blogwichteln 2009: “Steter Tropfen””

  1. Phil

    Will sich der Urheber dieser Wichtelei denn nicht durch einen Kommentar verraten??? ;-)

  2. Bhuti

    Och, gleich am ersten Tag verraten ist doch doof ;-)

  3. Phil

    Frau Bhuti - ich MUSS das wissen, ich doch eigentlich eine Frau … ;-)

  4. Not quite like Beethoven

    Mir gefällt am besten die Idee mit dem Fenstervorhang :-) Und sich zu verraten wäre unter diesen Umständen wohl zu — gefährlich.

  5. Blogwichteln 2009 – Wichtelbeiträge « Bhutis Gemischtwarenhandlung

    [...] I Your Friendly Neighborhood Lorelei holy fruit salad! ubuntublog.ch MacMacken Das gemeine Wesen Murmeltiertag Not quite like Beethoven Loveletters Danilolablog Wir müssen nicht gut finden … Kundenkunde [...]

  6. Muriel

    Ich kann das total nachfühlen. Obwohl ich mit meiner Abneigung offener umgehe.

  7. Phil

    Ich würde auch den Vorhang nehmen. Oder von hinten die offene Handtasche der blödsten Kuh auf der Party befüllen … ;-)

  8. Sookie

    Zu diesem Thema hat Sascha Bendiks sogar einen Song geschrieben. Der heißt “So nett” und ist auf dem Album “Die halbe Wahrheit”

    Kanns aber leider bei Youtube nicht finden…

  9. Sookie

    http://www.saschabendiks.de/

  10. Ute

    Outing. :-)

  11. Tweets that mention Murmeltiertag - Mach was draus! [ blog ] -- Topsy.com

    [...] This post was mentioned on Twitter by Lars Fischer, Terrorzicke. Terrorzicke said: Ich oute mich dann mal als Autor dieses Beitrags zum #Blogwichteln. http://bit.ly/57200x [...]

  12. STP1910

    Danke für Deinen Beitrag.

  13. Artikeltausch beim Blogwichtel 2009http://robjoker.wordpress.com/2009/12/15/blogwichteln-2009-fussball-verbindet/ « Wir müssen nicht gut finden, was ein anderer sagt, schreibt, denkt, aber um unserer eigenen Freiheit willen, müssen wir es ertragen

    [...] Mal hab ich bei diesem Blogwichteln genannten Artikeltausch mitgemacht. Dieser Artikel hier ist von diesem Autor liebevoll in mein Blogspektrum eingepasst worden. Viel Vergnügen hat es auch mir gemacht für [...]

  14. …Blogwichtel lockte mit falscher Fährte  uteles Blog 

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