Das Exil des Florian C.

oder von der mystischen Bipolarität einer Handvoll Seelen.

Von irgendwo her erklingt der Ruf eines Eichelhähers; geräuschvoll begleitet vom asynchronen Gehämmer zweier Sprechtköpfe, wurmmordend die Rinde einer Birke und Buche durchdringend. Es ist noch kühl um die Jahreszeit jenes April 1982, in den Waldauen von Kreuzenburg, irgendwo im Rhein-Main-Gebiet; im fließenden Übergang zwischen den Ländern Hessen und Bayern; außer dem Lärm der Vögel ist nur noch das Klopfen der Tropfen auf Blättern und Boden des eben verstummten Frühlingsschauers zu vernehmen.

Hier, mehr als 30 Fußminuten von der nächsten Siedlung entfernt, hatte Florian C. damals sein neues Domizil gewählt; fernab aller Menschen, die ihn in seinen jungen 21 Jahren bislang begleiteten; weit weg von allem, dessen Nähe, Einfluß und Konsequenz er fürchtete. Eine einfache Hütte, einst während der Weimarer Republik als konspirativer Treffpunkt radikaler Kommunisten erbaut und mehr recht als schlecht in den Jahren darauf, durch wen auch immer, notdürftig in Schuß gehalten. Irgendwann, in den Wirren der Nachkriegsjahre völlig vergessen geraten, eingewachsen im wilden Geäst und Moos der wildbelassenen Natur; nun ein idealer Unterschlupf für die Bestimmung des Florian C. und dessen Visionen.

Ich lernte Florian C. circa vier Jahre, bevor er damals spurlos verschwand, auf der Schule kennen; einem privaten Gymnasium für Kinder mit überdurchschnittlicher Begabung oder für Kinder, deren Eltern für das Privileg, ihre geldschwangeren Nachkommen auf jene Bildungseinrichtung zu entsenden, viel Geld bezahlten ohne Rücksicht auf das Lernvermögen ihrer Nachkömmlinge zu nehmen. Florian stieß ab der damals neu reformierten Oberstufe zu uns, von einem bayerischen Gymnasium kommend, da es seine Eltern beruflich bedingt in unsere Gegend verschlug. Ein Schlaks, meiner Statur ähnlich, immer in Schwarz gekleidet und jegliche Trends aus Mode, Musik und Pop negierend.

Wir freundeten uns während der Pausen in der Raucherecke schnell an; lästerten über die bescheuerte Popperbrut und plusterten vor den Mädels unsere Arafat-Tücher über den Jeansjackenkragen demonstrativ auf. Rauchten spanische Ducados, kurz vor dem Kotzen oder französische Gitanes Maispaper, kurz vor der Ohnmacht. Meckerten über die Besitzer japanischer Mopeds, denn damals zählte bei uns nur Kreidler als fahrbarer Untersatz; Zweirrad-Technologie aus Österreich, die man mit einfachen Handgriffen und Mitteln zu lichtgeschwindigkeitsgleichen Höchsttempi frisieren konnte.

Wir hingen gerne ab in jener Bahnhofsspelunke nahe der Schule, oft zu Unterrichtszeiten, Billard, Flipper oder Kicker spielend, oft aber auch am späten Nachmittag, manchmal bis in die Nacht hinein. Wir brauchten wenige Unterrichtseinheiten; das, was die Lehrer im Klassenzimmer an Lehrstoff verbreiteten, wussten wir beide eh schon; Naturtalente im Begreifen und zielgerichteten Anlernen unnützer Stoffe, die punktgenau bei Klausuren repetiert wurden, um dann wieder sofort aus dem Gedächtnis entfernt zu werden. Mit dem Unterschied, dass Florian C. meist Bestnoten erzielte, während ich lediglich das Mittelmaß suchte, um das erforderliche Soll zu erfüllen.

Wir waren beliebt im Kreis der Mitschüler, Rebellen gegen die Autorität der Lehrer, Eltern und Jedem, der nicht in unsere Lebensphilosphie passte. Kaum eine jener damaligen Matratzen-Keller-Parties, zu der wir nicht eingeladen waren; oft im Mittelpunkt stehend, wenn Florian C. in angetrunkenem Zustand begann, die Mädchen und Jungen zu malen, zu karikieren oder ihnen in skurrilen Comics Rollen auf den Leib zu malen und schreiben; er war ein begnadeter Zeichner. Oder ich, in ähnlichem Aggregatzustand wie Florian, begann, aus dem Stehgreif über Alltägliches aus dem Leben der Schüler zu texten und zu reimen; meist Groteskes und Wirres; zuweil mit bitterböser Ironie versetzt. Wir waren so etwas wie Popstars, fast auf gleicher Höhe mit der Schulband, damals die einzigen, die uns mit ihrer Musik bei den Mädels ausstachen.

Partys, auf denen uns die Stones, ELP, Alice Cooper, Iron Butterfly, Doors, Rainbow, Zappa und zu vorgerückter Stunde dann Alan Parsons, Tangerine Dream oder JMJ aus meist selbstgebauten Lautsprechern die Ohren zudröhnten. Partys, auf denen dann später, wenn nur noch der harte Kern anwesend war, beispielsweise Witch Board, Pendel, das große oder kleine Arkana, Kipper- oder Runenkarten ausgepackt wurden. Partys, auf denen der harte Kern dann auch Sachen ausprobierte, die bewusstseinsverändernd jede Feier auf ihrem individuellen Höhepunkt zutrieben.

Okkultes, Magisches war damals hip, wie man heute so sagt. Die Schule hatte eine sehr große Klosterbibliothek, mit zum Teil jahrhundertealten Werken, die sich mit Mystischem beschäftigten und uns nach dem Durchlesen zum Nachmachen inspirierten. Florians hervorragende Lateinkenntnisse waren dabei eine große Hilfe, da die meisten jener Werke eben in dieser alten Sprache verfasst waren; einige wenige in Französich, derer ich mich ob meines Talents in jener Sprache annahm.

Witchboard, Pendel oder Karten waren nur der Einstieg, wohl in dem Wissen, dass damit nur getrickst wurde, um bei neuen Partygästen, oder jenen, die das Geschehene zum x-ten male nicht kapierten, Erstaunen und Bewunderung auszulösen. Im Sommer 1980 begannen dann unsere nächtlichen Séancen; anfänglich von Mißerfolg geprägt, wurden diese Sitzungen von mal zu mal  unheimlicher. Insbesondere Florian hatte es diese sprituelle Form zwischen Meditation und aussersinnlichen Wahrnehmungseffekten angetan; ich schrieb bestimmte erlebte Situation anfänglich dem Alkohol und diesen anderen Sachen zu.

Im August dieses Sommers geschah dann jene unheimliche Séance, die vieles verändern sollte, insbesondere Florian C. Wir saßen zu viert gegen drei Uhr morgens auf dem ausgebauten Dachboden des mittelalterlichen Ziegelbaus, in dem Florian mit seinen Eltern wohnte. Flackernde Kerzen, schummerige Aura, alles wie in den letzten Sitzungen, doch an diesem Tag war es anders. Der Raum erschien mir wie eine gigantische Druckkammer; die Last auf der Brust war immens, kaum dass man hätte atmen konnte. Ein Gemisch aus Essig und Salz, etwas schweflig, durchzog den Raum; die Wände schienen sich wie ein Brustkorb auf und ab zu bewegen. Eine dunkle Männerstimme flüsterte durch den Raum, aus dem Munde von Florian, überhaupt nicht in seiner Tonlage: les quatre, centurie, …, cinquante, et trois, quatrain, …, chercher, le livre, du moi, les propheties, …, et l’autre, la conscience, avicenna, au, a, matin, …,… .

Urplötzlich sackten danach die Wände lautlos in sich zusammen, ein stummer Knall, es war wie ein gewaltiges Ausatmen, oder Aufatmen, wie auch immer. Die Kerzen erloschen, der Geruch verschwand, es war auf einmal kühl, viel zu kühl für diese Jahreszeit. Unsere Benebelung war verschwunden, völlig nüchtern und verwirrt sahen wir uns an. Florian erinnerte sich nicht an das, was er gesagt hatte, was aus ihm gesprochen wurde. Ich trug die Erinnerungsfetzen zusammen; vier Zenturien, 53 Vierzeiler, ein Buch suchen, über Prophezeihungen, und noch eines, über das Bewusstsein des Morgen. Und Avicenna?

Zwei, drei Tage nach jener Séance trafen wir uns nicht; jeder war irgendwie mit sich selbst und dem Erlebten beschäftigt. Den Freitag drauf in der großen Pause beschlossen Florian und ich, in der Klosterbibliothek zu recherchieren. Die anderen beiden Jungs hatten sich uns entsagt, sie hatten keine Lust mehr auf unsere Experimente. Es war wohl Angst. Das ganze Wochenende durchsuchten wir die Bücherregale und wurden fündig; zuerst Les Propheties de M. Michel Nostradamus mit seinen vier Centurien, bestehend aus drei Mal einhundert und einmal 53 Quatrains benannten Strophen zu jeweils vierzeiligen Versen. Das andere Werk war über den Arzt Abu Ali al-Husain ibn Sina-e Balkhi; im früheren Mittelalter lateinisiert als Avicenna bekannt.

Zwei Werke, eines über meist düstere Prophezeihungen eines überaus geschichtsträchtigen Mannes und eines über Rezepte von einem persischen Arzt, in jenem vor allem zig Mixturen zur Heilung von Krankheiten aufgeführt waren. Florian interessierte sich vor allem für die Rezepturen; da er plante, nach dem Abitur Medizin zu studieren und schon davor eine hohe Affinität zu jenem Beruf hatte, machte er auch bald eine folgenschwere Entdeckung. Einige der beschriebenen Rezepturen basierten auf meskalinhaltigen Essenzen; welche Avicenna damals wohl aus den Kakteen der Wüste gewonnen haben müsste und diese zusammen mit anderen Wirkstoffen zu einer Art von Halluzinogenen mischte.

Florian begann, sich eine Vielzahl der Zutaten zu Avicennas Rezepten zu besorgen, manche auf nicht ganz legalem Wege. Ich war skeptisch, was jene Mixturen bringen sollten, aber Florian war wie besessen. Phil, das wird alles alles schlagen, was wir bisher eingeworfen haben! Er verschwand dann tagelang, schwänzte die Schule; bis ich mir Sorgen machte um ihn, weil er sich gar nicht mehr bei mir meldete.

Ich läutete an der Haustür seines Elternhauses; mehrfach. Minuten verstrichen, bis mir Florian zum ersten Mal nach mehr als zwei Wochen begegnete; leichenblass, mit tiefliegenden Augen im Türrahmen stehend.  Phil,  d a s  musst Du erlebt haben! Ich entgegnete, dass er Scheiße aussähe und ich null Bock darauf hätte, ebenfalls wie ein Derivat von Alice Cooper herumzulaufen. Nein, nein Phil, man sieht nur danach für wenige Stunden Scheiße aus, nur ein paar Stunden… Wir setzten uns in die Wohnküche, fast komplett in Orange möbliert; Pril-Aufklebeblümchen zierten die Türen der Küchenmöbel. Tranken Sinalco, aßen ein paar Brote mit Zuckerrüben-Sirup, schwiegen uns an. Florian erholte sich erstaunlich schnell; das Rosa seiner Haut kam wieder hervor und auch sein Blick normalisierte sich. Es ist wie ein Megaschädel nach einem Suff erklärte er mir, nur dass dieser schneller verschwände. Er lud mich für den Abend ein, zu sich auf seinen Dachboden. Nur wir beide.

Bei Einbruch der Nacht saßen wir bei Florian auf dem Boden; ich sah zu, wie er verschiedene Kräuter und Pasten zusammen mischte. Das Geheimnis sei, sagte Florian, das es frisch zu sich genommen werden müsse. Keine Pillen, Ampullen oder getränkte Papierstreifen. Skeptisch beobachtete ich sein flinkes Hantieren mit den Zutaten. Eine zähe Pampe entstand vor meinen Augen, die er abschliessend zu gummiartigen, hasenschißgroßen Kügelchen formte. Er grinste mich an. Pass nun gut auf! Florian holte die Les Propheties de M. Michel Nostradamus unter dem alten Sofa hervor; ich wußte gar nicht, dass er das Buch aus der Klosterbibliothek mitgenommen hatte.

Wir schütteten jeder noch ein paar Vodka in uns hinein, dazu eine Tüte geraucht und danach warfen wir uns ein paar dieser Kügelchen ein. Es ist schwer zu beschreiben, was sich danach im Oberstübchen abspielte. So muss es sein, mit Mach 3 durch den Horizont zu rasen, Geist und Körper trennen sich, Bilder aus der Vergangenheit, vom aktuellen Tag und mir unbekannte Szenerien flitzten im Eiltempo durch die Gehirnwindungen. Sich um sich selbst drehend, über Kopf, eigene wie fremde Geschehnisse, wie durch dickes Panzerglas, vollkommen geräuschlos betrachtend. Und immer dieses Tempo; das sich nach ich weiß nicht wieviel verstrichener Zeit verlangsamte.

Am Ende der Irrfahrt warte Florian; in Watte gepackt neben mir und öffnete stumm Nostradamus’ Visionen. Fragend zeigte er mir jene Vierzeiler, in die der Mann damals seine Prophezeihungen verpackte; für viele Kritiker jenes Werks, schwammige, leidlich interpretierbare Zeilen, die oft auf alle möglichen zukünftigen Ereignisse hätten passen können. Mit dem Kügelchen im Kopf, etwas verschwommenen Blick geschah das Unfassbare; die Texte verrutschten ineinander, Satzblöcke tauschten sich aus, einzelne Buchstaben zu neuen Worten umgestellt, Vierzeiler untereinander neu geordnet. So dass diese plötzlich einen anderen Sinn ergaben. Nun nicht mehr oder sehr schwer interpretierbar waren.

Blackout. Ich kam auf dem Dachboden wieder zu mir; der Morgen brach durch das Dachlukenfenster an. Mein Schädel brummte, als hätte ich zwei Flaschen Vodka zuvor ausgepustet. Ich erinnerte mich noch an das Erlebte; aber nicht mehr an konkrete Inhalte. Ich griff hastig zu dem Buch, blätterte hin und her, aber es war weg. Wie weggewischt. Ich war irgendwie froh. Denn das wollte ich eigentlich nicht wissen. Visionen vom Tod, von Katastrophen, Unheil und Leid. Florian, Alice Cooper, schnarchte auf dem alten Sofa. Unten im Bad sah mir der Zwillingsbruder von Alice im verspiegelten Alibert Schränkchen entgegen. Ich kotzte. Trank danach einen Liter Sinalco fast auf Ex aus und radelte danach zu mir nach Hause.

Florian kam immer weniger zum Unterricht; zwei, drei jener Trips machte ich noch mit, dann ließ ich es. Ich erinnerte mich nicht mehr an Details; Flashbacks mit mir unbekannten, verschwommenen Szenerien plagten mich; nicht wissend, wie diese zu interpretieren. Wirres begann Florian zu prophezeien, Visionen zu skizzieren, Ereignisse vorherzusehen. Er rief mich an oder kam mit wirrem Blick bei mir vorbei, oft die Hände nach innengedreht in die Luft gestreckt, fabulierend, oft aber mit ziemlicher Treffsicherheit Ereignisse aus jenen Tagen bestimmend; meist zwei, drei Tage im Voraus.  Das Zugunglück z.B. von Erfurt, die Flugzeugabstürze von Teneriffa und Ustica, den Terroranschlag auf den Bahnhof von Bologna, die Attentate auf John Lennon und Ronald Reagan. Aber auch kleinere Unglücke aus der Gegend, den Selbstmord vom alten Henri, der sich in seiner Küche mit einer Magnum den Schädel komplett wegpustete; den tödlichen Unfall der Frau Schreiner; den schweren Autounfall an der Bahnschranke im Nachbarort.

Es war unheimlich. Ich erzählte niemanden davon, hatte Angst davor, für bekloppt erklärt zu werden. Nahm dann schon lange keine Sachen mehr; die Zeit des Experimentierens war für mich beendet. Endgültig. Auch weil zwischenzeitlich eine erste, große Liebe in mein Leben trat; die Zeitpunkte zwischen den Treffen mit Florian C. immer länger wurde, ich seine Visionen nicht mehr hören wollte. Anfang Oktober war ich mit meinem Schatz auf einer großen Feier; auf Matratzen, wie immer im Keller; wie so oft, laute Musik hörend. Mit Henning hatte ich mich in ein Eck zurückgezogen; wir hatten uns fast zwei Jahre nicht gesehen und begossen unser Wiedersehen mit einer halben Gallone Kessler Whiskey.

In jenem etwas abseits gelegenem Kellerraum schossen wir uns auch endgültig die Lampen aus; albernes Gerede, kichernd und die Mädels vergraulend, die ohne uns nach Hause fuhren. Stinkesauer. Gitte und Cordula, die Gastgeberinnen, brachten uns dann Decken, wir pennten dort irgendwann in der Nacht selig schlummernd ein. Am Morgen beim Frühstück wurden wir dann veräppelt von den beiden Mädels, besonders Cordula, die sich immer noch beömmelte, weil ich andauernd Sadat, Sadat, Sadat gerufen hatte und mit meinen Händen wild herumgefuchtelt hatte und mit tiefer Stimme ein stirb, stirb hinten an stellte. Zwei Tage später, am 6. Oktober 1981 wurde Anwar as-Sadat als ägyptischer Staatspräsident bei einem Attentat ermordet.

Den verschreckten Mädels tat ich das in jener Nacht Gesagte als blöden Zufall ab. Henning konnte sich eh an nichts mehr erinnern. Ich selber besuchte Florian erst nach längerer Zeit wieder. Schweigend saß er auf seinem Dachboden, hörte sich meine Warnungen an, was schon so wenig von seinem Zeug anrichten würde. Er sagte, er müsse darüber nachdenken. Am nächsten Tag rief er mich an, ich solle mich mit ihm an Rande der Waldauen von Kreuzenburg treffen. Dort traf ich ihn auch an; bepackt wie ein Hochgebirgswanderer, Dauercamper. Ich muss weg, von allem, sonst wird etwas geschehen, etwas Schlimmes. Ich fragte nicht nach; wollte es nicht wissen. Er erklärte mir, wie man zu jener Hütte käme, in der mal zu früheren Zeiten ein paar Kommunisten heimlich tagten; bat mich ihm noch ein paar Besorgungen zu machen, ihn ab und zu besuchen.

Im Ort, in der Schule war man über sein plötzliches Verschwinden verstört; insbesondere, da man trotz Suchaktionen und anderen polizeilichen Aktivitäten seit jener Zeit nie wieder etwas von Florian C. hörte und sah. Ich schwieg, auch bei den Befragungen, die ich als einer seiner besten Freunde über mich ergehen lassen musste. Es war besser so. Für alle, für uns beide. Ich hielt mein Versprechen; machte diverse Besorgungen und besuchte Florian ab und zu in seinem Exil. Die Abstände zwischen unseren Treffen in jener Hütte wurden in den Jahren immer länger; waren aber jedesmal von alter, freundschaftlicher Atmosphäre geprägt. Lange Gespräche über die gemeinsame Zeit und wie es uns in der Zwischenzeit so ergangen wäre. Was er so in den Waldauen getrieben habe, was ich so in der Welt erlebte. Aber nie mehr schnitten wir jene visionären Momente an.

Dieses Wochenende war ich wieder in den Waldauen bei Kreuzenburg, die Vorboten eines im Winter beginnenden Frühlings leuchteten schon schwach an den Zweigen; grün wie gelb, sprießende Gräser und blühendes Moos als Abschiedsgruß an eine Jahreszeit, die wohl einfach nur vergaß, sich zu zeigen. Ich hoffte, Florian in seiner Hütte anzutreffen; manchmal ist er tagelang nicht anwesend, bei seinen Streifzügen durch das Dickicht oder den heimlichen aber wichtigen Besorgungen, um hier sein Dasein fristen zu können.

Gute zwei Jahre hatten wir uns nicht mehr gesehen; er erzählte weniger von sich, ich eher mehr von mir. Von den Veränderungen im Beruf, der Trennung von meiner Frau, den Erlebnissen mit neuen Bekanntschaften, von den tollen Wochen während der Fussball-WM, dass ich nun blogge, von meinen Plänen und meinen Wünschen. Florian lächelte mich an und wünschte mir von Herzen, dass sich meine Hoffnungen erfüllten; nach zwei Stunden Männergeschwätz verabschiedete ich mich von ihm.

Florians Hütte im Rücken trat ich den Rückweg durch das Dickicht an. Nachdenklich; mit dem Zippo eine Lucky Strike zu Glimmen bringend, ihren Rauch tief inhalierend. Wind kam plötzlich auf, starker Wind, der das Grün des Waldes aufzublähen schien. Das Rauschen der Blätter wurde lauter, fast bedrohlich; es schien, als wenn die Natur einmal ganz tief Luft holte, um danach lang und anhaltend auszuatmen; nicht richtig kühl, aber auch nicht warm oder feucht. Der langanhaltende Luftschwall verebbte langsam, pustete noch einmal kurz durch wirbelndes Laub und die glaslosen Fenster der Hütte hinter mir; zwei Eichelhäher über mir beschwerten sich lauthals über meine Anwesenheit in ihrem Revier. Ihren Lärm in den Ohren, hörte ich nicht mehr das leise Klappern, windspielgleich, der deckab hängenden Gebeine Florians, die langsam im abflauenden Zugwind der Hütte auspendelten.

Phil

6 Kommentare zu “Das Exil des Florian C.”

  1. FrauH.

    Und damit hätten Sie das Paradebeispiel eines Textes gebracht, der zuwenig kommentatorische Aufmerksamkeit bekommen wird ;)
    Einfach weil er zu bewegend und intensiv ist…..
    Ich sag’s auch wenns verschleimt kling: Großes Kinderkino! Merci!

    (…und die Zahl war SIEBEN….)

  2. pathologe

    Interessante, fesselnde Geschichte.

    (…und die Zahl war SECHS… zählt es die Kommentare jetzt rückwärts?)

  3. Opa

    Das Leben ist kein Würfel- sondern ein Windspiel ?

  4. dieJulia

    Großartige Geschichte, tolle Schlußpointe!
    Erinnert mich ein wenig an die Atmosphäre in “The Village”…

    Hut ab, Herr Phil.
    Bin begeistert!

  5. Phil

    danke :-)

    (hatte schon die befürchtung, die story würde für bare münze genommen werden, daher schlummerte sie schon länger als entwurf in wp…)

  6. JimPansen

    wunderbare und wundersame geschichte…
    …anfangs hätt ichs fast geglaubt, denn wer selbst solch erlebnisse sucht und erlebt ist aufnahmefähiger dafür, oder einfach nur geschädigter

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