[re:flektionen]

Die Freude, Worte und Sätze in irgendeiner Weise zu bannen, sie festzuhalten, für mich und zuweil auch für andere, diese Freude treibt mich schon seit meiner Jugendzeit an. Neulich traf ich zwei frühere Freunde, die sich noch genau erinnern konnten, wie ich als Teenie Schränke und Wände in unserem gemeinschaftlichen Partyraum mit kurzen, meist abstrusen Geschichten, Reimen oder Comics vollkritzelte. Und ich war echt baff, als einer von beiden nach rund 30 Jahren ein paar meiner Werke von damals noch auswendig aufsagen konnte und sich dabei erneut seinen Bauch vor Lachen hielt. Grinsen musste ich während dessen übrigens auch, denn jener Blödsinn aus dieser Zeit reflektierte so ein wenig das Gefühl jener Tage, in denen ich oft völlig unbeschwert all das machen konnte, was mir gerade gefiel oder einfiel. Und zu schreiben. Viel.

Je mehr ich mich dem Abitur näherte, desto abgefahrener wurden meine Texte; heute würde ich sagen, ich war seinerzeit so eine Mischung aus BastiH, suspect-zero und Patsy Jones. Ein zuweil gnadenloser Texter, der seine Deutschlehrer in den Leistungskursen schier verzweifeln liess - sass da nun Genie oder Wahn in ihrem Klassenzimmer? Polarisierendes Gedankengut, dass sich auch in der Volatilität meiner Noten wiederspiegelte; von 0 bis fünfzehn Punkte war immer alles drin. Stilistisch meistens sehr gut benotet, doch die Inhalte, die abartigen Interpretationen klassischer Werke oder meine dramaturgischen Ausblicke auf das Folgegeschehen literarischer Handlungsstränge sorgten des öfteren für Gesprächsstoff im Lehrerzimmer. Oder Gelächter in der Klasse.

Nebenbei sorgte ich auf dem Gymnasium als Redakteur in unserer Schüler- und Abizeitung, deren Ausgaben ich heute fast alle noch besitze, für den einen oder anderen Tumult in Schule und Elternhäusern. Bildungspolitik und “Fehlverhalten” von Lehrern thematisierte ich ohne die Furcht, eventuelle Tabus und NoGos zu brechen. Was zweimal zu meiner temporären Suspendierung aus der Redaktion führte; ein anderes Mal wiederum dazu, dass fünf Minuten nach dem Erscheinen der Schülerzeitung die meisten Lehrer hastig sämtlich bereits verkauften Exemplare einsammeln mussten. Oder wie es uns im Redaktionsteam der Abizeitung gelang, mit einem Beitrag über einen verhassten Lehrer dafür zu sorgen, dass alle Lehrer unseren Abiball boykottierten bzw. Anweisung erhielten, diesen nicht besuchen zu dürfen. Jener skandalöse Vorgang kam damals sogar in die lokale Presse, da unsere Schule eigentlich so eine Art Eliteschule in der Region war, wo sich viele Sachen einfach nicht gehörten.

Die Arbeit zweier Schulsprecher habe ich in Artikeln derart kritisiert, dass sie von ihrem Amt zurücktraten, wobei deren eine Mutter damals eine Nachbarin von uns war. Da gab es also zuhause nochmals zusätzlichen Zoff - wie ich denn den ach so lieben Sohnemann von nebenan hätte niedermachen könne. Weil er ein Arschloch ist, lautete damals meine lapidare Antwort (…das Arschloch, das ist er übrigens heute immer noch). Später, während meiner Lehrzeit wurde es dann ruhiger; so wie auch ich ein wenig gemässigter in meiner Denke und in meinem Handeln wurde. Kaum im Marketingbereich meines Ausbildungsbetriebs eingesetzt, begann ich die miefige Werbung jener Sparkasse umzukrempeln. Ich hatte damals einen jungen Chef, der viele Ideen mittrug und so begannen wir im Rahmen einer Imagekampagne Livekonzerte in einer der seinerzeit angesagtesten Locations zu organisieren. Das war Anfang der 80er schon als fast revolutionär vom Ansatz her zu betrachten; in einer Zeit, die ich vielleicht als die schönste in den ersten 25 Jahren meines Lebens bezeichnen würde.

Ich textete imagefördernde Artikel für die Lokalpresse, schrieb Konzertankündigungen und -berichte und muss gerade beim Tippen dieser Zeilen plötzlich daran denken, wie umständlich man damals für Informationen recherchieren musste. Bibliotheken und Zeitungsarchive durchstöbern, speziellen Verlagen gesicherte Hintergrundinformationen für viel Geld abkaufen oder ab und zu sogar selbst Interviews mit den Künstlern führen. Viel zeitintensive und teure Arbeit, die heutzutage für umme mit ein paar Klicks im Internet verrichtet ist.

Was hatten wir damals für Bands engagiert: Udo Lindenberg, Uriah Heep, Lou Reed, Purple Schulz, Spider Murphy Gang, um mal ein paar namhaftere zu nennen sowie auch Bands und Interpreten aus der Region wie z.B. die Rodgau Monotones, die sich damals erstmalig formierten. Legendär für mich ist bis heute der Auftritt mit der Spider Murphy Gang geblieben; zwei Tage und Nächste übelste Party rund um die Uhr; was dazu führte, dass die Jungs fast ihren Auftritt und ich einen Tag später beinahe meine Zwischenprüfung versemmelten.

Über etwas Vitamin B meines Elternhauses und einem weiteren Mentor aus jener stürmischen Zeit ergatterte ich einen der auf 25 Plätze im Jahr begrenzten Studienplätze für Journalismus auf einer der bekanntesten verlagsgebundenen Schulen, auf die sich wohl die halbe Republik bewarb und es heute noch tut. Allerdings musste ich mehr als zwei Jahre Wartezeit bis zum Studienbeginn in Kauf nehmen, wechselte nach Beendigung meiner Lehrzeit den Arbeitgeber und verdiente plötzlich echt gutes Geld. In jener Phase verebbte dann die Lust am Texten irgendwie; ich hatte keine rechte Lust mehr am Schreiben und erst recht nicht, mich mindestens nochmals drei Jahre lang als Bettelstudent durchs Leben zu hungern. So erledigte sich der ursprüngliche Wunsch, mein Hobby zu texten mit fundierten Wissen zu untermauern und dieses später zum Beruf zu machen.

Neben vielen Texten, die ich seinerzeit quasi mein direktes Umfeld begleitend und für jenes auch manchmal ersichtlich verfasste, schrieb ich auch andere Dinge. Ich glaubte damals zum Beispiel, der weltbeste Liebesbriefschreiber zu sein, was ja auch nicht schwer war, denn ich hatte in dieser Zeit ja ein, zwei tolle Freundinnen. Und Dichten fand ich auch klasse, manche Reime nahm ich auf Kassette auf und spielte sie mir vor - quasi eine Art prähistorisches, analoges Mono-Podcasting. Reden für mich oder andere schreiben; Büttenreden, Reime anlässlich eines Jubiläums oder Geburtstags - Hauptsache Abwechslung und nicht die Birne einrosten lassen. Und um bestimmte Momente in meinem Leben, waren es eigene Erlebnisse oder die anderer, mehr oder weniger direkt in Worten festhalten. Für mich, für später.

Ich hatte ja mal vor einiger Zeit eine kleine Serie in diesem Blog, die ich als Worte aus dem Gestern kategorisierte; hierbei drehten sich die Inhalte um eigene Texte oder sonstige Dokumente anderer Menschen bis zu einer Zeit, als ich ungefähr Mitte zwanzig war. Jene Mappe mit vielen verschüttenden und nun wieder aufgetauchten Erinnerungen habe ich nun durch; alles gelesen, was mich vor mindestens zwanzig Jahre auf irgendeine Art und Weise bewegte sowie einen Grossteil meiner Jugend bedeutet. Innerlich schüttele ich den Kopf darüber, wie oft so ein Leben doch seine Wendungen nimmt und was wohl heute wäre, wenn ich damals mein Hobby doch zum Beruf gemacht hätte.

Vielleicht hätte ich in diesem Fall heute gar keinen Blog und würde in irgendeinem Feuilleton einer Tagezeitung darüber lästern, was für amateurhafte Stümper doch die meisten Blogger seien und qualitativer Content eh nur über die Printmedien vermittelt werden kann. Ich wische jenen Gedanken schnell wieder weg und erinnere mich heute an das Jahr 2000, als ich behutsam wieder anfing, nur dieses Mal im Internet, meine Gedankenspuren zu hinterlassen. Eine Zeit, eine wilde weil teilweise im Rahmen des Textens exitorientierter Unternehmensmeldungen, in der ich Menschen wie den Pathologen, Herrn Booldog oder z.B. den Held der Arbeit kennenlernte.

Das sind nun auch schon wieder acht Jahre her und nach einer Zeitlang des Surfens über ältere wie neuere Einträge in meinem Blog lächele ich vor mich hin und denke, dass es das Schicksal wahrscheinlich gut meinte, als es die Weichen so stellte, dass ich die Schreiberei nicht zum Beruf machte. Weil ich mich dann höchstwahrscheinlich nie in einem Blog tummeln würde; jedenfalls in keinem wie diesen hier. Und ich lächele immer noch, denn ich sehe hier Podcasts, Reime, Sinniges wie Unsinniges und wiederhole mich aus einem der vorherigen Absätze dieses Beitrags - Hauptsache Abwechslung und nicht die Birne einrosten lassen. Und um bestimmte Momente in meinem Leben, waren es eigene Erlebnisse oder die anderer, mehr oder weniger direkt in Worten festhalten. Für mich, für später.

Vielleicht hat Schreiben etwas von Magie. Denn irgendwie fühle ich mich immer noch wie früher - jung. Gerade eben und wieder.

Phil

4 Kommentare zu “[re:flektionen]”

  1. Wilde Orchidee

    WOW!

  2. Phil

    Kommentare wie die von Frau Muschimaus und Der Telefonseelsorgerin wurden gelöscht. Myladies, kümmern Sie sich bitte lieber um Ihren Berliner Kriegsschauplatz.

  3. Pathologe

    Oh, wird’s schon wieder crazy hier? Dabei hattest Du noch nicht mal was ueber Bella Italia geschrieben. Und die Rechungen zum Schutz vor ungebetenen Gaesten scheinen auch zu leicht zu sein.

    Mach doch mal was mit Prozentrechnen.

  4. Phil

    @pathologe: ich glaube schon - und eine hat ‘ne supi IP hinterlassen :)

    das mit dem prozentrechnen führe ich besser nicht ein, damit würde ich den hohen anteil an blondchen unter meinen leserinnen ja vom kommentieren ausschliessen. zweien von ihnen muss ich eh immer vorsagen, damit sie posten können ;-)

Einen Kommentar schreiben:

XHTML: Du darfst diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>



Zur Startseite

Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de