Nächste Woche Donnerstag jährt sich der Amoklauf von Winnenden zum ersten Mal und sicherlich werden sämtliche Medien jenen Anlass nutzen, wiederkehrend -wie nach jedem Amoklauf- das hilflose Geschrei nach schärferen Waffengesetzen anzustimmen, das (sinnlose) Verbot von Ballerspielen einzufordern oder zum Beispiel das am Boden liegende deutsche Schulsystem zu beklagen. Diverse Politiker und andere gesellschaftliche Institutionen werden zum Thema wichtigtuerisch das Wort ergreifen und -was ich am verwerflichsten empfinde- sämtliche auf das Prekariat abzielende Fernsehsender werden versuchen mit dem Leid einiger weniger auskunftswilligen Angehörigen Kasse und Quote zu machen.
Hinter all jenem Zirkus des Erheischens von medialer Aufmerksamkeit, der immer vergeblich bleibenden Suche nach Gründen für solch eine Tat und der Proklamierung mehr oder weniger sinnloser Präventivmaßnahmen wird eines aber vergessen - wie wird der betroffenen Gemeinschaft nach solch einer Tat geholfen? Gut, direkt nach dem Morden stehen religiöse und psychologische Einrichtungen den Bewohnern zur Seite, die ihre Hilfe für die erste Zeit bieten und sicherlich gute Arbeit leisten. Aber wie schaut es danach, also langfristig aus?
Dazu eine Episode aus meinem Leben. Seit Ende der neunziger Jahre bin ich als Urlauber schon mehrmals im österreichischen Mauterndorf gewesen, in das mich seinerzeit mein dort gebürtiger, frühere Arbeitskollege und Freund R. lotste und weil es mir dort so gut gefällt, ich selber andere Menschen aus meinem Umfeld dort hin brachte; immerhin haben wir in unserer Altstadtclique in Mauterndorf zwei echt lustige wie auch feuchte Skiurlaube verbracht.
So klein wie jener Ort ist, so überschaubar ist das vorhandene Angebot an komfortableren Pensionen und Hotels. Ich selber war bis heute dreimal in einem bestimmten Hotel, in dem man mich längst kennt und mit deren Inhaber ich in lockerer Folge korrespondiere. Zwischen den Besitzern und ihrer ersten Servicekraft hat sich inzwischen eine Art freundschaftliches Verhältnis entwickelt; immer wenn ich dort verweilte, hat Chef T. als Frohnatur per se mich und ein paar der Stammgäste mehrfach persönlich eingeladen, um mit ihm zum Beispiel gemeinsam frisch gefangene Forellen zu grillen, eine neuen Wein zu probieren oder einfach mal nur auf die Schnelle ein Fässlein Bier zu leeren.
Selten allerdings, dass T.’s Frau an derlei Feiern teilnahm und wenn, hockte sie mit steinerner Miene unter uns, stumm und wenn sie einmal lächelte, erschien es mir irgendwie gequält. Was ich auch verstand, denn im Eingangsbereich des Hotels befindet sich so etwas wie ein kleiner Altar mit ständig brennenden Kerzen, über dem das Bild einer jungen Frau hängt, die im Alter von 22 Jahren verstorben ist. Es ist, war, die Tochter der Hotelbesitzer.
Bei meinem ersten Aufenthalt in diesem Hotel machte ich mir wenig Gedanken über den Tod jener Frau; Krankheit, ein Unfall oder ein sonstiger Schicksalschlag halt, dachte ich mir. Später dann in den Jahren danach, als ich etliche Leute in der Gemeinde besser kannte, erkundigte ich mich ab und zu bei diversen Leuten nach der Ursache des Todes von I. und stiess immer auf eine Mauer des Schweigens. Tot ist sie halt oder andere lapidaren Antworten erhielt ich und beliess es auch dann, weiter über die Gründe nachzuhaken.
Bis ich vor knapp drei Jahren nach einem ausgedehnten Frühschoppen in den späten Abendstunden mit meinem Kumpel R. aus Mauterndorf und ein paar anderen Einwohnern in einer Kneipe zusammenhockte und wir über alles mögliche palaverten. Und R. plötzlich und wohl auch nur weil er ziemlich betrunken war, mir die unglaubliche Geschichte des Todes von I. erzählte, während dessen die anderen am Tisch Sitzenden versteinerten und R. anblickten, als wollten sie ihn mit Blicken erdolchen.
Es wurde von R. an jenem Abend wohl ein im Ort geltendes Tabu gebrochen, nämlich über den Amoklauf von Mauterndorf zu sprechen. Ich war wohl im Jahr direkt nach dieser Tat zum ersten Mal in jener Gemeinde und zu dieser Zeit wie auch in den vielen Jahren danach schwöre ich, dass mir in keinster Weise aufgefallen war, dass hier durch die Hand eines Spinners insgesamt sieben Tote zu beklagen sind. Es erscheint mir, als hätte jener Amoklauf nie stattgefunden und doch habe ich seitdem im Gespräch mit den direkt oder indirekt Betroffenen manchmal das seltsame Gefühl gehabt, als stünde der Täter unsichtbar mit vorgehaltener Waffe hinter ihnen, damit sie um Gottes Willen nur nicht von diesem Morden berichten.
Für Aussenstehende existiert in Mauterndorf der Amoklauf nicht, nicht mehr; es ist als hätte er nie stattgefunden und die Bewohner selbst schweigen untereinander ihre Toten tot. Es ist ihre Art in der Gemeinschaft, mit dieser Gräueltat umzugehen und irgendwie verstehe ich jenen Selbstschutzmechanismus, die schreckliche Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen. Aber so zufällig, wie ich eine Gemeinde und ihre Menschen kenne, die Zeuge eines Amoklaufs wurden, so zufällig wird es in Zukunft andere Orte auf dieser Welt treffen, an denen irgendwelche Irre wahllos Unschuldige morden werden. Da helfen keine wie auch immer gearteten Verbote oder beispielsweise soziale wie auch gesellschaftliche Prävention, um diesen irren Mördern Einhalt wie auch immer zu gebieten. Winnenden ist nun mal überall.
Phil