![[berliner|:|fragmente]](http://www.murmeltiertag.net/images/lulatsch.jpg)
Es ist jetzt gut ein Jahr her, dass ich wieder für längere Zeit ausserhalb meiner Heimat arbeite, arbeiten werde. Viele meiner Blogbeiträge nun nicht mehr direkt in den Editor von WP wandern werden, sondern vorab handschriftlich in meinem Notizbuch entstehen.
So wie jetzt, gerade eben, hier an jenem Ort, an dem ich mich morgen mit ein paar Bloggern treffen werde, lese ich in diesem Büchlein ein paar ältere, per Hand geschriebene Entwürfe meiner älteren Blogbeiträge, die am 4. Mai letzten Jahres endeten. Ein wenig Sentimentalität kommt auf, denn ich bin in Berlin; bei einem Training, welches mich zwar viel Geld kostet, gekostet hat, aber es in Summe mit meiner beruflichen Neuausrichtung wieder einmal eine jener Weichen darstellt, über die man zuweil im Leben brettern muss, wenn man sich zuvor ernsthaft fragte, in welche Richtung es denn gehen solle. Wird.
Berlin. Ein wenig mein Berlin. Stadtverbundenheit, quasi. Als geborener Frankfurter hat diese Stadt in meinem Leben immer wieder mal eine gewisse Bedeutung gehabt; Einfluss genommen, Richtungen aufgezeigt. Geboren in jenem Jahr, als die Mauer zwischen den Deutschen hochgezogen wurde und ich als Kleinkind oft zwischen Frankfurt und der heutigen Hauptstadt in Super Constellations der Pan Am pendelnd, erinnere ich mich soeben als erstes an den Flughafen Tempelhof. Zum einen, weil wir dort damals landeten und wieder starteten; zum anderen, weil meine Grossmutter damals im nahen Neukölln lebte und wir somit nur einen Katzensprung vom Airport entfernt waren.
Manchmal meine ich heute noch das Donnern und Dröhnen der Rosinenbomber zu vernehmen, die knapp über die Dächer unser Arbeitersiedlung hinweg streiften und im Minutentakt die Gespräche der Erwachsenen verstummen liessen, weil man der lärmenden Propeller wegen sein eigenes Wort nicht mehr verstand. Und irgendwie weiss ich immer noch, wie die gesammelte Familie an so manchem Wochenende an jenem grossmaschigem Zaun stand, der den Flughafen umspannte und wir zusammen mit vielen anderen Menschen den einschwebenden Flugzeugen zuwinkten und in die Hände klatschten. Seltsam, wie man sich an einem solchen Tag wie heute an derlei Details nach über 40 Jahren erinnern kann.
Dumpf keimen auch anderen Erinnerungen aus Berlin auf; Familienfeste und so. Hier lebte und lebt ein Teil meiner meist entfernteren Verwandtschaft. Und ich zähle eben mal schnell durch, wer von damals von jenen gen-nahen Relikten aus meinem Umfeld hier noch so lebt; es sind inzwischen sehr wenige, zu denen ich längst auch keinen Kontakt mehr habe.
Jahre später dann folgten nur noch sporadische Besuche in Berlin; mehr waren Klassenfahrten als privater Antrieb der Anlass. Aber - Berlin war immer toll gewesen, denn hier boxte der Papst im Kettenhemd und Sperrstunde war ein Wort, welches die Inselaffen nicht kannten. Und dann die Besuche in der Tätärää (=DDR) - den Checkpoint Charlie erlebte ich noch persönlich. Zwangsumtausch, Goldkrone für lau und Tags danach Kopfschmerzen, deren Ursache sicherlich nicht durch brutale Stasiverhöre verursacht waren.
Eine Zeitlang herrschte dann Funkstille zwischen meiner zweiten Heimat Berlin und mir. Auch aus dem Grund, dass ich in der Zeit nach dem Fall der Mauer diese Stadt wohl als etwas asozial empfand. Muffelige, griesgrämige Hauptstädter; die Einwanderungsflut aus dem östlichen Europa und die seinerzeit damit verbundene soziale wie gesellschaftliche Neuordnung mit all ihren Problemen war für den innerlich mit Berlin verbundenen Besucher deutlich spürbar.
Inzwischen ist, dank des Pragmatismus und Zweckoptimismus des Berliners, so einiges besser geworden. In Berlin, wie auch in meinem Leben. Ich bin wieder gerne in dieser Stadt; sei es um Freunde zu treffen, auf Konzerte zu gehen oder anderer Aktivitäten wegen. Heute, auf dem Weg ins Hotel, komme ich am Flughafen Tempelhof vorbei, der trotz diverser Bürgerinitiativen nun bald geschlossen wird. Diese Entscheidung heisse ich nicht gut, denn Tempelhof ist ein Stück lebendiger Geschichte dieser Stadt, die sich sich unter bestimmten Voraussetzungen in ihrem Fortbestand wahrscheinlich wirtschaftlich rechnen würde.
Und - irgendwie ist dieser Flughafen auch ein Teil meiner eigenen Historie; meiner gelebten wie auch geliebten Erinnerungen, die mit dessen Schliessung sinnbildlich sterben würden. Wie so vieles wie auch anderes in diesem meinem Leben. Aus jenem aber stets so ein gewisser Zweckoptimismus strahlt, den ich wohl nur hier geerbt haben kann. Hier, in meinem Berlin.
Phil