Umgangssprachlich meint man mit der Sau, die durchs Dorf getrieben wird, nichts anderes als eine Sache, die viel diskutiert wird und Aufregung erzeugt. Und alle hoffen, dass diese Sache schnell von etwas Neuem abgelöst werden wird.
Und so scheint es mir derzeit auch bei der Diskussion um das Buch Deutschland schafft sich ab von Thilo Sarrazin in allen präsenten Medien zu gehen - husch husch, raus mit der Sau aus dem Dorf - wie konnte der denn bloß?
Ja, Herr Sarrazin hat nämlich das gemacht, was einige Großkopferte schon vor ihm gemacht hatten, der Roman Herzog mit seiner Ruck-Rede oder z. B. der Horst Köhler mit seiner Meinung zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan - beide hatten das Maul aufgemacht ihre Meinung kundgetan, was einen Aufschrei der Menge und erst recht des selbsternannten politischen Establishments erzeugte, weil der Tenor der Meinungen eher persönlicher Natur war und für viele Kreise in unserer Gesellschaft in der Gesamtmeinung kontrovers ausgelegt war. Und die nachfolgende Diskussion auf jene Meinung, insbesondere die Art und Weise der Auseinandersetzung mit dem Thema in der Öffentlichkeit, hat Horst Köhler ja letztlich resignieren und seinen Rücktritt einreichen lassen.
Das so vehement diskutierte Buch habe ich nicht gelesen und werde es auch nicht, weil da wahrscheinlich wenig Neues für mich drinstehen würde; das, was ich aus der öffentlichen Diskussion mitbekomme, reicht mir aus, mir ein grobes Bild von der Machart des Inhalts zu zeichnen. Es ist mir auch wurscht, ob der Autor nun ein Nazi sei oder nicht, der Deutsche wie auch der Jude in unserem Lande schreit bei dem Thema ja schon auf, wenn auch nur annähernd irgendein rechtspopulistischer Bezug zu irgendwas hergestellt werden kann. Ich wundere mich eh schon seit Jahren, dass bei den Lottozahlen immer noch die 18, 33, 39 und 45 gezogen werden darf.
Doch darum geht es ja wohl nicht und das sehen viele andere Leute wohl auch so.

Mein Voting befindet sich im Meinungstopf der Mehrheit, aber nicht weil ich an genetische Verwandtheit von Bevölkerungsgruppen oder an die Dummheit bestimmter ausländischer Mitbürger und Hartz IV Empfänger glaube, sondern weil ich es klasse finde, dass endlich mal wieder ein Großkopferter den Mumm hat, sein Maul aufzumachen und den Hut in den Ring wirft.
Aber was passiert nun? Anstatt sich der Thesen und “Provokationen” Sarrazins zu stellen und zu versuchen, ihm diese mittels alternativer Statistiken und der Wissenschaft (quasi mit seinen eigenen Waffen) zu widerlegen, da brüllt der mediale Mob meist nur Nazisau. Toll, etwas Besseres fällt der politischen wie auch schreibenden “Elite” in unserem Land dazu nicht ein.
Wieso nimmt man sich der Thesen nicht an, denn grundsätzlich scheint der Autor mit seinen Ausführungen zur Zukunft Deutschlands ja nicht völlig daneben zu liegen. Wieso also nicht die Themen aufgreifen und kontrovers und fair diskutieren - das brächte mehr, würde unserer Gesellschaft wahrscheinlich nutzen und Herrn Sarrazin an der einen oder anderen Meinungsecke bestimmt konterkarieren.
Vielleicht war es sogar seine Intention, diese Diskussion in unserem Land anzufachen, aber was durch die breite Masse gerade daraus gemacht wird, hat Thilo Sarrazin letztendlich allein schon mit dem Buchtitel beschrieben - Deutschland schafft sich ab und hat es sich eigentlich auch schon dahingehend, indem Gesprächskultur, Meinungsfreiheit, Fairplay im Dialog, Respekt vor dem Individuum und Toleranz vor dem Andersdenkenden in die Tonne der Meinungsmacher und -lobbyisten getreten wird.
Eigentlich bin ich erschüttert über so viel Krudes und Dummes, was ich in der Presse, den TV-Sendern und auch in vielen Blogs zum Thema mitbekomme und finde es beschämend, wie die meisten Beteiligten (und vielen mitlaufenden Wichtigtuer) nur mit der brachialen Meinungskeule einen Ansatz (den Sarrazins) niederknüppeln, wie Deutschland mit etlichen anstehenden gesellschaftlichen Veränderungen und Problemen in Zukunft umgehen könnte. Nicht hinter der kompletten Meinung Sarrazin stehe ich, aber hinter dem Ansatz und dem Mumm, eben diese Meinung zu sagen. Wahrscheinlich bin ich deshalb wohl ein Nazi.
Phil